zu Teil 1 der Artikelreihe
Im letzten Beitrag zum Thema Hilfsmittel in der Hundeerziehung habe ich über die Rolleinen geschrieben. In diesem Post werden die sog. Kopfhalfter thematisiert. Jeder hat sie sicherlich schon einmal gesehen. Manchmal muss man zweimal hinschauen, um zu erkennen ob es sich um eine Maulschlaufe oder eben einem Kopfhalfter handelt.
Die Anwendung und Wirkungsweise ist einfach. Man legt dem Hunde diesen Halfter an, verbindet ihn mit einer Leine und geht fortan an so mit seinem Hund und zwei Leinen (eine am Halsband/Geschirr, eine am Kopfhalfter) Gassi. Lenkt der Hund sich ab, zieht zu einem Menschen oder anderen Hund hin, wird der Kopf des eigenen Hundes über den Halfter wieder in die eigene Richtung (zum Halter hin) gezogen. So soll der Hund lernen, dass er „nicht“ zu anderen Hunden (oder auch Menschen und anderen Dingen) schauen oder ziehen soll.
So die Theorie der Hersteller. Ich habe in den 5 Jahren in denen ich mich intensivst mit der Umlenkung von Fehlverhalten bei Hunden beschäftige und mit „Problemhundehalter“ tägl. zu tun habe noch keinen Halter kennengelernt der dieses Hilfsmittel erfolgreich einsetzen konnte. Wobei sehr viele Halter so einen Halfter besitzen und ausprobiert haben.
Wieso kann dies auch nicht funktionieren?
Man muss sich wie bei allen Fehlverhaltensweisen des Hundes immer Fragen, „warum“ macht er dies oder das in gewissen Situationen. Dieses „warum“ gilt es zu ergründen. Es hilft nicht gegen die einzelnen Symptome unterdrückende oder ablenkende Maßnahmen anzuwenden. Wenn ein Hund z.B. aufgrund einer Unsicherheit und negativen Erfahrungen aus der Vergangenheit gestresst oder angstaggressiv reagiert wenn er auf andere Hunde trifft, bringt es nicht ihn dann noch weiter in den Stress zu führen, indem mit Kraft versucht wird ihn vom auslösenden Reiz abzulenken oder wegzuziehen. Ob das nun an einem Kopfhalfter erfolgt oder auch am Halsband/ Geschirr. Zug erzeugt immer Gegenzug. Somit treiben Sie ihren Hund im eigentlichen Sinne nur noch weiter weg von Ihnen in diesen Situationen.
Ein Hund, der vormals einen Kopfhalfter trug ist mir immer noch gut im Gedächtnis geblieben. Ich wurde damals gerufen, weil der Hund der Besitzer aggressiv reagierte wenn sie beim Gassi gehen auf andere Hunde treffen. Bei unseren Ersttermin zur Therapie ging ich mit den Haltern und dem Hund in einen nahe gelegenen Park. Es handelte sich im übrigen um einen Labrador Rüden. Ich führte den Hund nur an einer Leine am Halsband. Es dauerte auch nicht langen bis wir auf den ersten fremden Hund trafen. Ich machte erst einmal nichts, um den Hund in seinem Fehlverhalten beobachten zu können. Als er den anderen Hund sah, bellte er einmal, wendete sich zu mir, schnappte mir kurz in den Oberschenkel und ging dann in sein Angriffsverhalten über, welches ich über die Leinenfixierung einfach blockte.
Was war geschehen? Nun der Halter erzählte mir daraufhin, dass er seinen Hund immer mit dem Kopfhalfter ganz dich an seine Seite ziehe um ihn kontrollieren & halten zu können. Dabei wäre es schon öfter vorgekommen das er auch in seinem Oberschenkel schnappte. Diese Erfahrung ist ein ganz klarer Beweis dafür, dass Hilfsmittel Fehl./ Problemverhalten nur verschlimmern oder verlagern. Ein Ventil für sein Problemverhalten findet der Hund ….. immer.
Es hat sich beim Hund über dieses Hilfsmittel nur abgespeichert:
Anderer Hund = Stress, Stress = Aktion, Angriff als Beste Verteidigung.
Daraufhin hat der Hund erfahren das er zum Halter über die Fixierung an der Schnauze zu Menschen hin und in seinem Bewegungsradius eingeschränkt wird. Der Hund muss also etwas gegen den Störfaktor Mensch unternehmen. Da er an den Oberschenkel gezogen wurde, verknüpfte er diesen mit der Situation. Folglich muss er künftig eine Strategie entwickeln sich gegen diese Einschränkung zu wehren.
Also ist für den Hund die Lösung – anderer Hund in Sichtweite = erst Störfaktor Oberschenkeln weg beißen und dann dennoch in den Konflikt mit den Artgenossen gehen.
Die Halter, die sich über dieses Hilfsmittel Kopfhalfter Hilfe erhofft hatten, besaßen nun ein weiteres Problem. Immer wenn der Hund in Stress kam, gerade in Bezug mit Artgenossen, ging er erstmal in eine Aggression in Richtung Mensch.
Aus einem Problem mach zwei – dank Hilfsmittel.
Schreiben Sie ein Kommentar zu diesem Beitrag und Ihre Erfahrungen mit Hilfsmittel im Anschluss an diesen Post. Im nächsten Beitrag beschäftige ich mich wieder mit einem etwas harmloseren Hilfsmittel: dem Brustgeschirr.
Sascha Jenzewski
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